Häufig gilt in der MS-Therapie: Je früher, desto besser. Die Strategie dahinter ist es, durch den frühzeitigen Einsatz hochwirksamer Medikamente langfristige Schäden bestmöglich zu verhindern. Bei älteren Menschen mit MS beeinflussen jedoch noch zahlreiche weitere Faktoren die Therapieentscheidung. Wir erklären Dir, welche Erwägungen dann im Vordergrund stehen.
Das Immunsystem verändert sich mit dem Alter – und auch die MS-Erkrankung
Die Zahl älter werdender Menschen mit MS wächst – unter anderem deswegen, weil dank moderner Therapien die Lebenserwartung kontinuierlich steigt. Diese gute Nachricht ist jedoch auch mit Fragestellungen und Unsicherheiten rund um die Behandlung verbunden. Ein entscheidender Unterschied zwischen jĂĽngeren und älter werdenden MS-Betroffenen ist ein nachlassendes Immunsystem: Man spricht dann von einer „Immunoseneszenz“, die unter anderem zu einer höheren Anfälligkeit fĂĽr Infekte fĂĽhrt. Da die sogenannten verlaufsmodifizierenden MS-Therapien ebenfalls einen Effekt auf das Immunsystem haben (sie wirken entweder immunmodulierend oder immunsupprimierend), spielt dieser Aspekt bei MS eine besondere Rolle.Â
Zudem treten mit zunehmendem Alter Begleiterkrankungen häufiger auf, was dazu fĂĽhren kann, dass auch mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden mĂĽssen (Polypharmazie). Auch dies flieĂźt in Therapieentscheidungen ein.Â
Viele Betroffene erleben mit zunehmendem Alter weniger entzündliche Schübe als früher, während die schleichende Zunahme von Einschränkungen stärker in den Vordergrund treten kann. Die Wirksamkeit mancher Behandlungen auf entzündliche Aktivität kann deswegen abnehmen, während das Risiko für Nebenwirkungen relativ zunehmen kann – beides beeinflusst die Abwägung von Nutzen und Risiken der MS-Therapie im Alter.
Ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren (etwa eine erhöhte Infektanfälligkeit, Immunoseneszenz und Polypharmazie) kann das Nutzen-Risiko-Profil der MS-Therapie beeinflussen und somit die Therapieentscheidung im Alter maßgeblich prägen.
Die MS-Therapie im Alter neu bewerten
Fest steht: Wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, kann es sinnvoll sein, die Therapie neu zu bewerten. Ein vollständiges Absetzen der MS-Medikamente sollte dabei allerdings nur in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt in Erwägung gezogen werden, da es immer mit einem gewissen Risiko fĂĽr erneute Krankheitsaktivität (z. B. SchĂĽbe) verbunden ist. Dies gilt auch dann, wenn der MS-Verlauf zuvor bereits ĂĽber mehrere Jahre hinweg stabil war. Wenn im Einzelfall dennoch entschieden wird, die Therapie zu beenden, ist eine engmaschige Kontrolle der Betroffenen unerlässlich, z. B. durch regelmäßige (MRT)-Untersuchungen.Â
Wird eine hocheffektive Therapie als nicht (mehr) passend bewertet, etwa aufgrund von Nebenwirkungen, ist ein Behandlungswechsel eine weitere Option. In einigen Fällen kommt dann eine Deeskalation, also der Wechsel auf ein Medikament aus einer niedrigeren Wirksamkeitskategorie, in Frage. Eine Deeskalation sollte jedoch nur unter strengen Voraussetzungen erwogen werden, um ein Wiederaufflammen der Krankheitsaktivität zu verhindern. Zudem sind auch bei einer Deeskalation regelmäßige klinische und MRT-Verlaufskontrollen wichtig.Â
Neben einem Wechsel in eine niedrigere Wirksamkeitsstufe kann auch eine Umstellung innerhalb derselben Wirksamkeitskategorie sinnvoll sein. So kann das Medikament möglicherweise besser an Alter, Begleiterkrankungen, Infektionsrisiko, Monitoringaufwand und den Alltag der Betroffenen angepasst werden. Wenn unter einer bestehenden Behandlung weiterhin Krankheitsaktivität auftritt, ist – in Absprache mit dem Neurologen – vielleicht auch ein Wechsel zu einem Medikament mit anderem Wirkmechanismus eine Option.Â
Übrigens: Bitte nimm keine eigenmächtigen Änderungen an Dosierung oder Einnahme- bzw. Verabreichungsintervallen vor. Entscheidung und Ablauf gehören in die ärztliche Hand – sprich also mit Deinem Neurologen über Deine Möglichkeiten.
Individuelle Exit-Strategie im Vordergrund
Das Ziel einer sogenannten „Exit-Strategie“ sollte es sein, für jeden Patienten eine Behandlung zu finden, die ein positives Nutzen-Risiko-Profil aufweist. Konkret bedeutet dies, dass die Medikation effektiv genug sein muss, um Krankheitsaktivität zu verhindern – bei gleichzeitig möglichst niedriger Behandlungslast und Nebenwirkungen. Gleichzeitig wünschen sich viele MS-Betroffene eine Therapie, die nicht mit einer dauerhaften Immunsuppression verbunden ist. Bei Adhärenzproblemen oder auch, wenn sich Betroffene mehr Flexibilität im Alltag wünschen, kann deswegen auch ein anderes Einnahmeschema in Frage kommen: Heutzutage stehen zahlreiche Medikamente zur Verfügung, die nicht täglich, sondern deutlich seltener eingenommen/verabreicht werden.
Behandlungsabfolge („Sequenzierung“) frühzeitig bedenken
Eine Ă„nderung der Medikation ist nicht immer ganz unkompliziert möglich und sollte sorgfältig geplant werden. Einige Wirkstoffe gehen beispielsweise nach dem Absetzen mit meinem Risiko fĂĽr einen Rebound-Effekt einher – MS-Symptome können dann nicht nur zurĂĽckkehren, sondern auch sogar stärker ausgeprägt sein als zuvor. Andere Wechsel erfordern besondere Vorsicht und möglicherweise Ăśbergangs- oder Auswaschphasen. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die Wirkungen zweier Medikamente auf das Immunsystem nicht ĂĽberlappen. Dein Arzt muss deswegen bei jeder Behandlungsentscheidung bedenken, welche Medikamente im Fall der Fälle auf die aktuelle Behandlung folgen könnten.Â
Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass es leider keine allgemein gĂĽltige Therapieempfehlung fĂĽr älter werdende MS-Patienten gibt; wie so oft, wenn es um MS geht, mĂĽssen die Entscheidungen individuell getroffen werden und sind abhängig vom Krankheits- und Behandlungsverlauf.Â
Wenn Du das GefĂĽhl hast, dass deine Medikation nicht mehr zu Dir passt, dass sie nicht ausreichend wirkt oder wenn Du Nebenwirkungen hast, sprich unbedingt mit Deinem Neurologen darĂĽber. Das gilt natĂĽrlich ganz unabhängig von Deinem Alter!Â
Du benötigst doch Orientierung, um das Thema bei deinem Arzt anzusprechen? Dann schau gern einmal hier vorbei – eine Checkliste zum Download findest Du zudem hier.Â
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