Warum ist Impfen ein so wichtiges Thema bei älteren MS-Patienten?

Älter werden heißt nicht automatisch, dass die MS allein bestimmt, wie es weitergeht. Ein stiller, aber wichtiger Mitspieler ist das Altern des Immunsystems. In diesem Artikel erfährst Du, warum Infektionen im Alter häufiger werden, was Immunoseneszenz und Zellseneszenz bedeuten, welche Folgen das für Medikamente und Impfungen hat und welche Empfehlungen es aktuell gibt.

Wie sich das Immunsystem bei MS im Alter verändert

Mit dem Alter verändert sich das Immunsystem, ein Prozess, den Fachleute Immunoseneszenz nennen. Das bedeutet vereinfacht, dass bestimmte Abwehrzellen weniger flexibel auf neue Erreger reagieren und sich die Immunantwort verändert. In der Praxis heißt das, ältere Menschen sind anfälliger für bestimmte Infektionen und benötigen manchmal andere Schutzmaßnahmen, wie etwa zusätzliche Impfungen oder engmaschigere Kontrollen. 

Gleichzeitig spielen die eingesetzten Therapien eine große Rolle. Einige krankheitsmodifizierenden Behandlungen können das Risiko für Infektionen zusätzlich erhöhen. Deshalb prüfen Ärzte im höheren Alter besonders sorgfältig, welche Therapieform weiterhin sinnvoll ist, ob eine Anpassung oder ein Wechsel in Frage kommen oder ob zusätzliche Schutzmaßnahmen nötig sind. 

In diesem Zusammenhang rückt auch die Frage nach der Fortführung oder möglichen Reduktion einer Therapie bzw. eine sogenannten Deeskalation stärker in den Mittelpunkt. Studien deuten darauf hin, dass die Balance zwischen Wirksamkeit und Risiken gerade im höheren Alter immer wieder neu bewertet werden sollte. 

Je nach individueller Situation kann auch ein Wechsel des Therapiekonzepts sinnvoll sein. Man unterscheidet Dauertherapien mit kontinuierlicher Behandlung und Impulstherapien mit behandlungsfreien Intervallen. Beide Konzepte beruhen auf unterschiedlichen Wirkprinzipien und gehen mit jeweils eigenen Behandlungsintervallen und Erholungszeiten einher; sie können das Immunsystem in unterschiedlichem Ausmaß beeinflussen – sowohl positiv als auch negativ. Welches Konzept geeignet ist, hängt von vielen individuellen Faktoren ab und wird im Rahmen der gemeinsamen Therapieentscheidung abgewogen. 

Dabei wird deutlich, dass jede Anpassung der Behandlung eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfordert: Einerseits kann das Absetzen einer Therapie das Risiko für neue Krankheitsaktivität erhöhen, andererseits können Nebenwirkungen oder das Risiko für Infektionen an Bedeutung gewinnen. Daher empfehlen Fachleute, Entscheidungen zur Deeskalation, Wechsel oder Weiterführung stets individuell zu treffen – gemeinsam mit Dir und angepasst an Deine persönliche MS-Erkrankung sowie Deine Lebenssituation.

Was Immunalterung für MS-Patienten bedeutet

Mit zunehmendem Alter verändern sich viele Komponenten des Immunsystems. Die Fähigkeit, neue naive T-Zellen zu bilden, nimmt ab. Gedächtniszellen können überwiegen, während die Flexibilität gegenüber neuen Erregern sinkt. Auch angeborene Abwehrmechanismen und die Kommunikation zwischen Immunzellen werden schwächer. Gleichzeitig sammeln sich im Gewebe mehr „seneszente“ Zellen, die Botenstoffe freisetzen und Entzündungsprozesse begünstigen können. All das erklärt, warum ältere Menschen anfälliger für Infektionen sind und warum Impfansprechen abgeschwächt sein kann.

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Wie Therapien das Impfen bei MS-Patienten beeinflussen

Drei Punkte sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig. 

Erstens: Einige krankheitsmodifizierenden Therapien wirken über einen längeren Zeitraum auf das Immunsystem. Im höheren Alter kann sich dieser Therapieeffekt mit der natürlichen Veränderung des Immunsystems (Immunoseneszenz) überlagern, wodurch das Risiko für Infektionen ansteigen kann. 

Zweitens: Auch die Impfantwort kann im Alter abgeschwächt sein. Das bedeutet, dass Impfstoffe unter Umständen weniger Schutz aufbauen als bei jüngeren Menschen. 

Drittens: Das Impfansprechen hängt zusätzlich von der jeweiligen MS-Therapie ab. 

Vor diesem Hintergrund gewinnen Impfzeitpunkt, Impfstrategie und – wenn sinnvoll – der Einsatz altersangepasster Impfstoffe an Bedeutung. Entscheidend ist dabei eine individuell abgestimmte Planung durch den behandelnden Arzt sowie eine enge gemeinsame Abstimmung mit Dir. Häufig wird empfohlen, Impfungen vorausschauend zu planen, idealerweise vor Beginn einer hochwirksamen krankheitsmodifizierenden Therapie, und empfohlene Auffrischimpfungen im höheren Alter konsequent wahrzunehmen.

Was für MS-Patienten beim Impfen laut Experten wichtig ist

Die Empfehlungen der Fachgesellschaften fassen zusammen, welche Impfungen für Menschen mit MS in jedem Alter besonders wichtig sind und wie sie zeitlich zur MS-Therapie stehen sollten. Konkret rät die Pocketcard der Kompetenznetzgruppe bei MS-Patienten >60 Jahre zu folgenden Punkten: 

  • Überprüfung des Impfstatus,
  • nach Möglichkeit Abschluss notwendiger Impfungen vor Start oder Wechsel einer immunmodulierenden Therapie,
  • Nutzung von inaktivierten Impfstoffen (Totimpfstoffen) bei immunsupprimierten Personen, speziell Impfungen gegen Herpes-Zoster, Pneumokokken und Respiratorische Synzytial-Viren, sowie
  • abgestimmte Auffrischungsintervalle im Alter. 

Lebendimpfstoffe sollten bei relevanter Immunsuppression, d. h. auch unter immunsuppressiven MS-Therapien, vermieden werden.

Warum die Planung krankheitsmodifizierender Therapien bei MS im Alter komplexer wird

Für die Therapieplanung ergeben sich daraus mehrere Herausforderungen. Bei Patienten im fortgeschrittenen Alter muss das Risiko für Infektionen gegen den Nutzen der Krankheitskontrolle abgewogen werden. 

Einige Therapieformen und -strategien verändern das Immunsystem langfristig, andere eher transient. Wie bereits erwähnt, sind manche Behandlungen auf eine kontinuierliche Gabe ausgelegt, während andere nur zeitlich begrenzt eingesetzt werden mit therapiefreien Intervallen. Je nach eingesetzter MS-Therapie kann dies auch unterschiedliche Auswirkungen auf Impfzeitpunkt und Impfansprechen haben. 

Daraus ergibt sich, dass Impfungen individuell sehr unterschiedlich geplant werden müssen – etwa im Hinblick darauf, ob sie idealerweise vor Beginn einer Therapie, in einem geeigneten Zeitfenster während der Behandlung oder erst nach einer Erholungsphase erfolgen sollten. Bei hochwirksamen Therapien ist eine vorausschauende Impfplanung daher besonders wichtig, um ein möglichst gutes Antikörper- und T-Zell-Antwortprofil zu erreichen. 

Bei bestehenden Therapien kann zudem eine regelmäßige Kontrolle des Impfstatus und gegebenenfalls auch eine serologische Überprüfung sinnvoll sein. Auch hier wird deutlich, dass Impfungen nicht pauschal, sondern individuell geplant werden müssen – abhängig von Krankheitsverlauf und aktueller Behandlungssituation. Deshalb ist es wichtig, sich dieser Zusammenhänge bewusst zu sein und Impfentscheidungen eng mit dem behandelnden Arzt abzustimmen.

Praktische Tipps für Deinen Impf-Alltag

  • Sprich beim nächsten Termin gezielt Deinen Impfstatus an.
  • Sprich wichtige Impfungen frühzeitig vor einem geplanten Therapiewechsel mit Deinem Arzt ab.
  • Frage gezielt nach, ob unter Deiner laufenden MS-Therapie eine adäquate Impfantwort zu erwarten ist und ob Zeitpunkt, Impfstoff oder Auffrischungen entsprechend angepasst werden sollten.
  • Frage nach altersspezifischen Impfangeboten, z. B. speziellen Auffrischungsdosen.
  • Dokumentiere Impftermine digital oder im Impfpass.

Welche Fragen zur MS Behandlung noch offen sind

Die Forschung zum Thema MS und Alter wächst, doch es bleiben offene Fragen. Einige Studien deuten darauf hin, dass krankheitsmodifizierende Therapien im höheren Alter weniger wirksam sind, insbesondere wenn die MS in einen langsam fortschreitenden Verlauf übergeht. Andere Arbeiten zeigen, dass bestimmte Altersfaktoren mit einer stärkeren Ausprägung neurodegenerativer Prozesse zusammenhängen können. Gleichzeitig fehlen oft große, speziell auf ältere Menschen ausgerichtete Studien. Das bedeutet, dass viele Entscheidungen heute auf Erfahrung, kleineren Studien und individueller Abwägung beruhen. 

Für Betroffene ist es deshalb hilfreich, informiert zu bleiben, Fragen zu stellen und gemeinsam mit dem Behandlungsteam die beste, persönliche Lösung zu finden. 

In unserem Interview mit Dr. Angelika Derksen, Fachärztin für Neurologie, wird deutlich, wie sich die aktuelle Lage in der Forschung auf die Behandlung auswirkt und welche praktischen Schlüsse sich daraus für Betroffene ziehen lassen. 

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