Digitale Lösungen sind bei MS stärker gefragt als bei vielen anderen chronischen Krankheiten: Rund zwei Drittel der Betroffenen nutzen sie. Warum das so ist, liegt auch am jüngeren Lebensalter von MS-Patienten; im Schnitt sind sie zum Zeitpunkt der Diagnose rund 30 Jahre alt. Für viele Betroffene bedeuten digitale Angebote mehr Überblick und mehr Selbstbestimmung. Zudem bieten sie die Möglichkeit, auch ohne lange Fahrtwege oder viel Zeitaufwand mit Ärzten in Kontakt zu treten. Doch welche digitalen Lösungen sind wirklich hilfreich, wo liegen ihre Grenzen und wie können sie sinnvoll in die MS-Behandlung integriert werden? Wir helfen Dir dabei, den Überblick zu behalten.
Multiple-Sklerose-Apps und digitale Tools
Es gibt mittlerweile zahlreiche Apps speziell fĂĽr MS-Betroffene. Sie dienen vor allem dem Umgang mit Symptomen, und können zum Beispiel bei Fatigue, depressiven Episoden, kognitiven Einschränkungen oder Spastiken zum Einsatz kommen.Â
Neben dem MS-Symptom-Management gibt es auch Apps, die Dich an die Einnahme deiner Medikamente erinnern oder die Dir Informationen zu Lebensstilveränderungen bieten. Sie können zum Beispiel dazu beitragen, kleine Bewegungseinheiten in den Alltag zu integrieren, den Schlaf oder das mentale Befinden zu verbessern oder gesĂĽndere Ernährungsgewohnheiten zu etablieren. FĂĽr einige dieser Anwendungen konnten in Studien sogar deutliche positive Effekte nachgewiesen werden, etwa im Hinblick auf Fatigue, depressive Verstimmungen oder die allgemeine Lebensqualität.Â
Die Vielzahl an Apps, die mittlerweile zur VerfĂĽgung steht, kann jedoch auch Herausforderungen mit sich bringen. Unter anderem fehlen einheitliche Bewertungsstandards, um wirklich sinnvolle Anwendungen von jenen zu trennen, die möglicherweise keinen echten Mehrwert bieten können. Auch datenschutzrelevante Aspekte werden immer wieder diskutiert.Â
Tipp: Achte auf eine Zertifizierung als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) oder als CE-gekennzeichnetes Medizinprodukt. Dann kannst Du nicht nur sicher sein, dass die Anwendung intensiv geprüft wurde, sondern kostenpflichtige Angebote können auch von den Krankenkassen übernommen werden. DiGAs im Bereich MS findest Du auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Sprich am besten mit deinem Behandlungsteam darüber, welche Apps für dich persönlich sinnvoll sind.
„Electronic education“ – E-Learnings und Schulungsprogramme bei Multipler Sklerose
E-Learnings können, genauso wie klassische BroschĂĽren, dazu beitragen, das Wissen ĂĽber MS zu vergrößern. Mögliche Themen sind Informationen die Ursachen und Symptome von MS, Behandlungsmöglichkeiten und potenzielle Nebenwirkungen oder praktische Tipps zum Leben mit MS.Â
Der Vorteil von E-Learning liegt darin, dass Inhalte multimedial vermittelt werden und neben Text auch beispielsweise gesprochene Erklärungen und Animationen enthalten. Zudem sind sie jederzeit abrufbar, ob zu Hause oder unterwegs. Ein weiterer Vorteil: Auch Patienten mit Sinneseinschränkungen wie beispielsweise Sehproblemen können die Schulungen nutzen – etwa durch Hörinhalte. Kurzum: E-Learning ist leicht zugänglich, spart Zeit und Kosten und kann MS-Betroffene dabei unterstützen, die Krankheit besser zu verstehen und den Alltag sicherer zu bewältigen.
Hilfe bei Therapieentscheidungen: gut vorbereitet ins Arztgespräch
Vor einem Arzttermin kann es helfen, sich ĂĽber die eigenen Therapieziele und Prioritäten klar zu werden. Deswegen gibt es neben Apps und E-Learnings auch interaktive, digitale Entscheidungshilfen fĂĽr MS-Betroffene. Sie sollen Dich dabei unterstĂĽtzen, gemeinsam mit Deinem Behandlungsteam die Therapie zu finden, die am besten zu Dir und Deiner persönlichen Situation passt. Wenn Du bereits vorab ĂĽberlegst, was Dir wichtig ist, zum Beispiel im Hinblick auf Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Alltagstauglichkeit oder Familienplanung, kannst du auch das Gespräch besser strukturieren.Â
Digitale Tools können das persönliche Arztgespräch nicht ersetzen, aber sie können Dir helfen, dieses besser zu planen und informierter und selbstbewusster an Therapieentscheidungen heranzugehen. Eine gute Vorbereitung kann auĂźerdem die Therapietreue fördern.Â
Tipp: Auch ein klassischer „Entscheidungsbaum“ kann Dir dabei helfen, Dich optimal auf Deinen Termin vorzubereiten und Dir vorab zu überlegen, welche Therapie zu Dir passen könnte. Eine praktische Checkliste dazu findest du hier.
KI und Multiple Sklerose: KĂĽnstliche Intelligenz gewinnt an Bedeutung
KĂĽnstliche Intelligenz (KI, nach ihrer englischen Bezeichnung „artificial intelligence“ auch als AI bezeichnet) ist aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Und auch in der MS-Behandlung gewinnen KI und datenbasierte Entscheidungshilfen zunehmend an Bedeutung. Ziel ist es, fĂĽr jeden MS-Betroffenen die bestmögliche Therapie zur richtigen Zeit zu finden – nicht nur basierend auf SchĂĽben oder MRT-Bildern, sondern auch auf langfristiger Krankheitsentwicklung. Ein Beispiel fĂĽr ein KI-gestĂĽtztes Modell ist der sogenannte „digitale Zwilling“. Dieser entsteht auf Basis von Daten wie Untersuchungsergebnissen, Krankheitsaktivität oder Laborwerten und stellt eine virtuelle Abbildung Deines Körpers dar. Behandler können so Deinen Krankheitsverlauf besser einschätzen und basierend darauf individuelle Therapieentscheidungen treffen. Zudem kann KI in der Forschung eingesetzt werden, um neue Therapieansätze zu entwickeln.Â
Gut zu wissen: Viele dieser KI-Projekte stecken derzeit noch „in den Kinderschuhen“, das heißt, dass sie sich noch in der Entwicklung befinden oder in Pilotprojekten getestet werden. Perspektivisch könnten sie jedoch eine tragende Rolle in der MS-Forschung und -Therapie spielen.
Telemedizin in der neurologischen Praxis
Die COVID-19-Pandemie hat die Nutzung von Telemedizin beschleunigt und gezeigt, wie wichtig digitale Angebote auch fĂĽr die Betreuung von MS-Betroffenen sein können. Ferntermine mit den behandelnden Ă„rzten können beispielsweise fĂĽr Routinekontrollen durchgefĂĽhrt werden. Von Vorteil ist dies insbesondere fĂĽr diejenigen, die in ländlichen Gebieten und möglicherweise weit von einem MS-Zentrum entfernt wohnen.Â
Eine webbasierte Patientenumfrage konnte zeigen, dass viele Betroffene den sogenannten „Televisits“ sehr offen gegenĂĽberstehen, unabhängig von Alter oder Behinderungsgrad. Besonders schätzen sie dabei den Vorteil der Zeitersparnis. Voraussetzung fĂĽr eine sinnvolle Nutzung von Telemedizin ist eine einfache und intuitive Bedienung der entsprechenden Programme und Plattformen.Â
Wichtig zu wissen: Telemedizin kann zwar eine sinnvolle Ergänzung des Arzt-Patienten-Kontakts sein und die Zahl der persönlichen Besuche reduzieren. Sie kann und sollte diese jedoch nicht ersetzen; bestimmte Untersuchungen (z. B. neurologischer Status oder MRT-Untersuchungen) müssen zudem immer vor Ort erfolgen.
Wearables: Praktische Alltagsbegleiter fĂĽr Dein Gesundheitsmanagement
Die sogenannten „Wearables“, wie etwa Smartwatches und Fitnesstracker können im Alltag richtig praktisch sein – nicht nur bei MS. Sie messen zum Beispiel Schritte, Bewegung, Schlaf oder andere Gesundheitswerte. Viele Betroffene finden die Geräte motivierend, denn sie helfen dabei, sich selbst besser einzuschätzen und aktiv zu bleiben.Â
Ăśbrigens: Nicht nur Du selbst kannst Wearables nutzen, um Erkenntnisse ĂĽber Deinen eigenen Gesundheitszustand zu gewinnen. Auch viele Ă„rzte schätzen die kleinen Geräte, weil sie dadurch Veränderungen frĂĽh erkennen und die Behandlung individuell anpassen können.Â
Tipp: Wenn Du bereits Wearables verwendest, sprich mit Deinem Neurologen darĂĽber, wie ihr die Daten gemeinsam nutzen und interpretieren könnt. Wichtig ist auĂźerdem zu wissen, dass die mittels Wearables erhobenen Werte und Zahlen zwar eine wertvolle Orientierung bieten können, Dich aber nicht unter Druck setzen sollten. Wenn Du Dir deswegen Sorgen machst, kannst Du diese am besten mit Deinem Neurologen direkt klären.Â
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