Unsere Broschüre „Multiple Sklerose: Unsichtbare Symptome. Was andere nicht bemerken“ bietet Dir hilfreiche Informationen und alltagsnahe Tipps, um besser mit den stillen Begleitern der MS umzugehen.
Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Iris-Katharina Penner ist Professorin für Kognitive Neurologie und Neuropsychologie und klinische Neuropsychologin mit Schwerpunkt u. a. auf Kognition, Neuropsychologie, sowie neurodegenerativen und entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS). Als Professorin an der Universität Bern und Leiterin des Cogito-Zentrums in Düsseldorf vereint sie fundierte wissenschaftliche Forschung mit über 20-jähriger klinischer Erfahrung. Ihr besonderes Interesse gilt der Entwicklung innovativer diagnostischer und therapeutischer Verfahren sowie deren praktischer Umsetzung in der neurologischen Versorgung. In ihrem Interview spricht sie mit uns darüber, weshalb Denken genauso wichtig ist wie Gehen und was Patienten selbst tun können.
MS-bedingte kognitive Einschränkungen sind keine „unsichtbaren Symptome“
Wie können Patienten ganzheitlich betrachtet werden, um auch unsichtbare MS-Symptome wie Fatigue oder kognitive Probleme zu berĂĽcksichtigen?Â
Ich persönlich mag den Begriff „unsichtbare Symptome“ gar nicht. Wenn man sich Zeit fĂĽr die Patienten nimmt und genau zuhört, dann liegen diese Symptome ganz klar auf dem Tisch.Â
Was sind kognitive Beeinträchtigungen bei MS, wie äuĂźern sie sich und wie werden sie gemessen?Â
Unter kognitiven Beeinträchtigungen versteht man eine Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit. Bei MS beginnt das häufig mit einer kognitiven Verlangsamung. Betroffene benötigen mehr Zeit zum Denken. Die Qualität des Denkens ist meist erhalten, aber im Vergleich zu frĂĽher oder zu Gleichaltrigen lässt die Quantität nach.Â
Neben der Verlangsamung kommt es oft zu Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis und der Fähigkeit, Neues zu erlernen. Auch Multitasking, Aufmerksamkeit, Konzentration und komplexes Denken (z. B. Problemlösen, vorausschauendes Denken) können beeinträchtigt sein. Das muss nicht alles auftreten, aber es kann.Â
Gemessen werden diese Funktionen mit standardisierten, normierten und validierten Testverfahren im Rahmen einer umfassenden neuropsychologischen Untersuchung. Es gibt auch Screening-Verfahren, mit denen sich Neurologen einen ersten Eindruck verschaffen können. Fällt dieses Screening auffällig aus, sollte eine Überweisung zur Fachperson für Neuropsychologie erfolgen.
MS-bedingte kognitive Einschränkungen: Warum Neurologie und Psychologie Hand in Hand gehen müssen
Warum halten Sie die Fokussierung auf akute neurologische Ausfälle und Gehfähigkeit bei MS fĂĽr unzureichend? Welche weiteren Faktoren sollten berĂĽcksichtigt werden?Â
Neben den körperlichen Symptomen gibt es solche, die zunächst weniger augenscheinlich sind, jedoch auf den beruflichen und privaten Alltag ebenso – wenn nicht sogar stärkere – negative Auswirkungen haben. Ich spreche von Symptomen wie kognitive Störungen, Fatigue sowie Depressionen oder Angststörungen. Gerade die kognitive Leistungsfähigkeit ist in einer durch digitale Medien immer schnelllebiger werdenden Gesellschaft existenziell wichtig. Schafft man das Pensum der anderen nicht in Qualität und Quantität, fällt man auf und muss sich erklären, sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld.Â
Welche Herausforderungen sehen Sie bei der DurchfĂĽhrung kognitiver Tests in der klinischen Praxis bei MS-Patienten?Â
Der Faktor Zeit ist sicherlich ein Argument, ebenso wie die eingeschränkte Abrechenbarkeit solcher Leistungen. Aber ein Screening, das zehn Minuten dauert, sollte in jeder neurologischen Praxis möglich sein, wenn man Patienten nach neuesten Standards behandeln und langfristig betreuen möchte.Â
Inwiefern beeinflussen kognitive Beeinträchtigungen die Lebensqualität von MS-Patienten?Â
Ich habe es eingangs ja schon gesagt: Wenn jemand merkt, dass die eigene Denkfähigkeit nachlässt, hat das massive Auswirkungen auf die Lebensqualität. Nicht mehr gut gehen zu können, ist zweifellos eine gravierende Einschränkung, aber der Verlust geistiger Fähigkeiten macht vielen Betroffenen noch mehr Angst. Besonders im Hinblick auf die berufliche Zukunft.Â
Sollte Kognition isoliert betrachtet werden, oder gibt es Zusammenhänge mit anderen Symptomen wie Depression oder Fatigue?Â
Grundsätzlich sollte man Kognition auch als eigenständiges Symptom betrachten. In einer neuropsychologischen Untersuchung werden aber auch Fatigue, Depression, Angst und Apathie mitberĂĽcksichtigt, denn diese Symptome können die Denkfähigkeit ebenfalls negativ beeinflussen. So lässt sich im diagnostischen Prozess klären, was das zentrale Problem des Einzelnen ist und dann gezielt therapeutisch handeln.Â
Haben MS-Therapien, die im zentralen Nervensystem wirken, auch Einfluss auf kognitive Defizite?Â
Sie sprechen Immuntherapien an. Es gibt bislang keine Klasse-I-Evidenz dafĂĽr, dass diese Therapien die Kognition direkt verbessern. Einfach deshalb, weil die entsprechenden Zulassungsstudien Kognition meist nicht als primären Endpunkt berĂĽcksichtigen.Â
ABER: Es hat sich gezeigt, dass Patienten unter Immuntherapie eine bessere Kognition aufweisen als solche ohne Behandlung. Das ergibt auch Sinn: Eine Immuntherapie begrenzt die Schäden im Gehirn – weniger EntzĂĽndungen, weniger SchĂĽbe, geringerer Hirnvolumenverlust – und das wirkt sich auch positiv auf die Kognition aus.Â
Bei ZNS-gängigen MS-Medikamenten sind die Daten zur Kognition besonders ĂĽberzeugend, auch im Hinblick auf langfristige Effekte.Â
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Neurologen und Psychologen bei der Behandlung kognitiver Symptome?Â
Meiner Meinung nach ist sie unabdingbar und eine notwendige Voraussetzung, um Menschen mit MS wirklich gerecht zu werden. Die Zusammenarbeit ist komplementär: Die Neurologie kümmert sich um das körperliche Wohlergehen, die Psychologie um das kognitive und emotionale. Niemand nimmt dem anderen etwas weg, es ist eine sinnvolle und wertvolle interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Kognition bei MS erhalten: Mit dem richtigen Lebensstil geistig fit bleiben
Das Thema Hirngesundheit – oder neudeutsch „Brain Health“ – ist aktuell sehr präsent. Was verstehen Sie darunter, und wie ordnen Sie die Kognition in dieses Konzept ein?Â
Ja, das Thema boomt, obwohl es eigentlich nichts Neues ist. Ich fördere jeden Tag Hirngesundheit bei meinen Patienten. Aber durch die aktuelle Aufmerksamkeit bekommt das Thema endlich mehr gesellschaftliche Relevanz und das ist gut.Â
FĂĽr mich beginnt Hirngesundheit im Kindesalter, spätestens in der Grundschule. Wenn allen Menschen schon im Kindesalter ganzheitlich das Wissen vermittelt werden wĂĽrde, was Ernährung, Bewegung, Entspannung und geistige Aktivität mit Körper und Geist machen, wĂĽrde ich mir um die gesellschaftliche Entwicklung viel weniger Sorgen machen.Â
Warum boomt „Brain Health“ gerade jetzt? Weil wir auf eine Welle von Demenzerkrankungen zusteuern. Einerseits, weil die Menschen immer älter werden, andererseits, weil ungesunder Lebensstil Demenzen mitverursachen kann. Eine Studie von Livingston hat es auf den Punkt gebracht: Rund 40 % des Demenzrisikos lassen sich durch Lebensstilfaktoren beeinflussen. Deshalb gibt es jetzt so viele Kampagnen zu Ernährung, Bewegung, Stressreduktion, geistiger Stimulation und so weiter.Â
Wenn jeder ein bisschen mehr Verantwortung fĂĽr sich selbst ĂĽbernimmt, wird die Gesellschaft langfristig gesĂĽnder sein.Â
Welchen Appell haben Sie an Patienten und Ärzte, um die Bedeutung kognitiver Fähigkeiten in der MS-Diagnose und -Behandlung zu betonen?
An die Ă„rzteschaft: Nehmen Sie kognitive Symptome genauso ernst wie körperliche und behalten Sie sie von Anfang an im Blick. Sie ermöglichen Vorhersagen fĂĽr die Progression der Erkrankung.Â
An die Patienten: Stehen Sie fĂĽr sich ein. Sprechen Sie Ihre Ă„rzte auf die Notwendigkeit regelmäßiger neuropsychologischer Untersuchungen an, wenn das nicht von selbst geschieht. Und: Verlieren Sie nicht den Mut. Richten Sie den Blick auf das, was Sie (noch) können, nicht auf das, was nicht mehr geht. Das stärkt Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und reduziert inneren Stress.Â
Vielen Dank Prof. Penner für dieses Gespräch!