Impfen bei MS – darum ist das Thema so wichtig
Wenn es um Impfungen geht, sind viele MS-Betroffene verunsichert und fragen sich, ob diese überhaupt möglich, sicher und sinnvoll sind – mit Blick auf die MS selbst, aber auch unter bestimmten Therapien. Wir möchten Dir einen Überblick zu den wichtigsten Impfstoffen geben und Dir damit dabei helfen, eine informierte Entscheidung treffen zu können.
Hast Du diese oder ähnliche Fragen schon mal gehört oder gelesen? Fest steht: Rund um das Thema Impfen kursieren zahlreiche Bedenken – und auch Fehlinformationen. Wir möchten Dir mit diesem Beitrag dabei helfen, den Überblick über die wichtigsten Impf-Fakten und -Mythen zu behalten.
Verunsicherung besteht vor allem deswegen, da bei der Autoimmunerkrankung MS, ebenso wie bei Impfungen, das körpereigene Immunsystem direkt involviert ist. Ist es deswegen vielleicht tatsächlich möglich, dass Impfungen das Auftreten von MS begünstigen oder neue Schübe auslösen können? Hier können wir Dich beruhigen: Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, die keinerlei Zusammenhang zwischen Impfungen (u. a. gegen Hepatitis B, Influenza, Tetanus, Diphtherie, COVID-19 oder Pneumokokken) und dem Ausbrechen von MS beobachten konnten; das gleiche gilt für das Schubrisiko. Bei Letzterem ist sogar das Gegenteil der Fall: Anders als Impfungen können bestimmte Infektionskrankheiten tatsächlich das Risiko für einen Schub erhöhen. Ein umfassender Impfschutz ist deshalb gerade für Menschen mit MS besonders wichtig.
Impfungen mit Totimpfstoffen grundsätzlich möglich
Impfen bei MS ist also durchaus sinnvoll, doch natürlich müssen die Fragen nach dem „Was?“ und „Wann?“ geklärt werden. Der Zeitpunkt einer Immunisierung hängt von mehreren Dingen ab, zuallererst von Deinem Gesundheitszustand. Eine Impfung sollte nur dann erfolgen, wenn Du Dich wohlfühlst und keinen akuten Schub hast. Auch, wenn Du langfristig oder mit hoch dosiertem Kortison behandelt wirst, sollten Impfungen vermieden werden.
Eine immunsuppressive oder -modulatorische Therapie ist allerdings kein Ausschlusskriterium für eine Impfung. Eine Immunisierung mit Totimpfstoffen ist bei Menschen mit MS auch unter einer Immuntherapie möglich. Der Impferfolg kann aber – je nach Therapie – durch das unterdrückte Immunsystem verringert sein. Im Allgemeinen wird deshalb empfohlen, dass Impfungen vor Beginn einer Behandlung abgeschlossen sein sollten. Darüber hinaus gibt es Optionen, die eine Impfung jederzeit auch unter Therapieschutz und mit einer vollständigen Immunantwort möglich machen. Frag hierzu am besten Deinen Arzt. Übrigens: Die gegen COVID-19 üblicherweise eingesetzten mRNA-Impfungen zählen konzeptionell zu den Totimpfstoffen und sind damit auch für MS-Erkrankte geeignet.
In Deutschland entwickelt die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts Impfempfehlungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Auch Menschen mit MS sollten sich entsprechend dieser Empfehlungen mit Standardimpfungen immunisieren lassen; dazu zählen etwa die Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Poliomyelitis und Keuchhusten. Für eine schnelle Übersicht zu diesen Empfehlungen von Kindesbeinen an hat das Robert-Koch-Institut einen Impfkalender herausgegeben, den man hier einsehen kann (Stand: Januar 2026).
Indikationsimpfungen bei MS: Aktuelle Empfehlungen zu Grippe-, Herpes-Zoster- und Coronaimpfung
Über diese Standardimpfungen hinaus werden für MS-Erkrankte noch sogenannte Indikationsimpfungen empfohlen. Dabei handelt es sich um solche, die nur unter bestimmten Bedingungen bzw. für bestimmte Personengruppen empfohlen werden – wie die Impfung gegen das Influenzavirus, die jährlich wiederholt werden sollte. Influenza, allgemein auch als „echte Grippe“ bezeichnet, kann für Menschen mit MS ein Problem sein, da sie ein deutlich erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung und damit einhergehender Komplikationen haben. Zudem kann eine Infektion das Risiko für einen Schub erhöhen. Eine Impfung wird deshalb von der STIKO für MS-Erkrankte ab 18 Jahren ausdrücklich empfohlen. Die Immunisierung sollte vor Beginn der Grippewelle, also zwischen Oktober und November, erfolgen und muss jährlich erneuert werden, da das Influenzavirus sehr wandelbar ist.
Darüber hinaus gibt es eine grundsätzliche Empfehlung für die Impfung gegen COVID-19 sowie eine jährliche Auffrischimpfung (Booster), da auch hier ein erhöhtes Risiko für schwere Erkrankungsverläufe besteht. Keine Hinweise gibt es hingegen darauf, dass potenzielle Nebenwirkungen bei MS-Betroffenen gehäuft auftreten.
Auch die Herpes-Zoster-Impfung spielt bei MS eine wichtige Rolle. Die Empfehlung dafür gilt für Menschen mit MS grundsätzlich ab 60 Jahren; ist eine immunsupprimierende Therapie geplant, sogar ab 18 Jahren. Auch für die Pneumokokken-Impfung wird dies empfohlen.
Lebendimpfstoff und MS? Aktuelle Empfehlungen
Etwas anders als bei Totimpfstoffen sieht es bei Impfungen mit Lebendimpfstoffen aus, die bei MS nur vor dem Beginn einer Immuntherapie und auch dann nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung verabreicht werden dürfen. Bei MS-Patienten sind hierbei die Impfungen gegen das Varizella-Zoster- (Windpocken), Masern- und Röteln-Virus (Letzteres vor allem bei Frauen, die schwanger werden könnten) relevant.
Während eines Schubes oder unter immunsuppressiver Behandlung sind Impfungen mit Lebendimpfstoffen kontraindiziert.
Eine Übersicht über Impfungen bei MS, herausgegeben vom Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) findest Du auch hier. Weitere Informationen rund um die verschiedenen Impfstoff-Typen erhältst Du im folgenden Abschnitt.
Multiple Sklerose und die Wahl des Impfstoffs – Lebendimpfstoff und Co. in der Übersicht
Die Geschichte des Impfens ist sehr eng mit dem Pockenvirus verbunden. Die Pocken sind den Menschen schon seit Jahrtausenden bekannt und haben in dieser Zeit zahlreiche Opfer gefordert. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass man früh versuchte, sich vor dieser Krankheit zu schützen und die Pockenimpfung gemeinhin als das erste „Vaccine“ (deutsch: Impfung) bekannt ist. So nannte der englische Arzt Edward Jenner 1796 nämlich seine Behandlungsmethode, bei der er Menschen durch einen Schnitt in den Oberarm mit Kuhpocken infizierte. Die so Behandelten erkrankten an den für den Menschen harmlosen Kuhpocken und waren im Anschluss ebenfalls gegen das menschliche Pockenvirus immun: Das Prinzip der Impfung war bewiesen. Man könnte seinen Impfstoff gemeinhin als Lebendimpfstoff bezeichnen, wenngleich diese heutzutage (zum Glück möchte man sagen) etwas anders funktionieren als zu Jenners Zeiten. Im Folgenden möchten wir Dir einen kurzen Überblick über die verschiedenen Arten an Impfstoffen geben.
- Lebendimpfstoffe
Durch spezielle Verfahren werden Krankheitserreger abgeschwächt und verlieren dadurch ihre krankmachenden Eigenschaften. Allerdings können sie sich weiterhin vermehren und so neben einer spezifischen Immunantwort samt Gedächtnis auch eine absolut ungefährliche „Impfkrankheit“ auslösen. Diese hat ähnliche Symptome wie die eigentliche Erkrankung, heilt aber vollständig aus. Beispiele für diese Klasse der Impfstoffe sind die Impfungen gegen Masern, Röteln, Mumps und Windpocken.
- Totimpfstoffe
Bei Totimpfstoffen sind die enthaltenen Krankheitserreger (durch Hitze oder chemische Verfahren) inaktiviert, sodass sie sich nicht vermehren und auch keine Infektion auslösen können. Sind die Erreger vollständig enthalten, spricht man von Ganzkeim- oder Vollimpfstoffen. Häufig bestehen Totimpfstoffe jedoch nur aus Bestandteilen der Erreger, etwa als Spaltimpfstoffe, Subunit-Impfstoffe (definierte Antigene) oder Toxoidimpfstoffe (inaktivierte Toxine). Totimpfstoffe werden heute beispielsweise gegen Diphtherie, Tetanus, Hepatitis B, Polio und Pertussis eingesetzt.
- mRNA-Impfstoffe
mRNA fungiert als Zwischenglied zwischen der genetischen Information der DNA und den fertigen Proteinen, ähnlich einem Datenträger mit einem Bauplan darauf. Für diese Klasse der Impfstoffe wird die mRNA eines Krankheitserregers verwendet, aus der ein bestimmtes Protein hergestellt werden kann. Die mRNA wird in Fetthüllen, sogenannte Lipidnanopartikel, verpackt, die von unseren Körperzellen aufgenommen werden können. Dort werden die zelleigenen Mechanismen genutzt, um aus der mRNA das Protein des Krankheitserregers herzustellen. Dieses wird an die Zelloberfläche transportiert und unser Immunsystem kann darauf reagieren. Der erste jemals zugelassene mRNA-Impfstoff war im Übrigen gleichzeitig der erste jemals zugelassene COVID-19-Impfstoff.
Immunsystem und Antikörper: Was passiert beim Impfen – und zwar nicht nur bei MS - im Körper?
Bei einer Impfung nutzt man die natürlichen Abwehrmechanismen unseres Körpers. Unser Immunsystem teilt sich in zwei Bereiche auf, das angeborene und das adaptive bzw. erworbene Immunsystem. Zweiteres ist für das Impfen entscheidend, denn neben einer spezifisch auf einen Krankheitserreger ausgerichteten Immunantwort durch Bildung zielgerichteter Antikörper, bietet das erworbene Immunsystem noch einen weiteren wichtigen Vorteil: Es wird ein immunologisches Gedächtnis entwickelt. Das heißt, dass bei erneutem Kontakt mit demselben oder einem ähnlichen Krankheitserreger eine schnelle und effektive Antwort unseres Immunsystems erfolgen kann. Mehr zu dieser Immunantwort findest Du hier in diesem Artikel.
Beim Impfen zielt man genau auf dieses immunologische Gedächtnis ab. Unser Immunsystem reagiert auf den Impfstoff und entwickelt eine spezifische Immunantwort samt Gedächtnis. Kommen wir jemals mit dem echten Krankheitserreger in Kontakt, ist unsere Immunabwehr vorbereitet und kann diesen schnell und effektiv bekämpfen. So wird eine Erkrankung im Bestfall verhindert oder zumindest substanziell gemildert.
Auch im MS-Klartext mit Prof. Meuth sprechen wir über den Aufbau des Immunsystems. Wenn Dich das Thema interessiert, solltest du deshalb unbedingt einen Blick auf das Interview mit Prof. Meuth und unseren Artikel über das Immunsystem werfen.
Kleiner Pikser mit großer Wirkung
Impfen ist ein wichtiges Thema, aber auch eines, das mit vielen Zweifeln und Unsicherheiten behaftet ist. Wir hoffen, dass wir Dir ein paar davon nehmen konnten. Deinen persönlichen Impfstatus besprichst Du aber am besten mit Deinem Arzt, insbesondere da Nach- und Auffrischungsimpfungen immer auf Deine MS-Therapie abgestimmt werden müssen.
Noch tiefergehende Informationen zum Thema bekommst Du dafür in der Patientenbroschüre Impfen bei MS bei uns im Downloadbereich.
DE-NONNI-01131 04/2026